Die Pietshow: StudiVZ hat seine erste Seifenoper


Der Ausspruch “Ich glotz TV” wirkt immer altmodischer. Die Mattscheibe im Wohnzimmer gerät in Vergessenheit, auch wenn sich ein Herr Reich-Ranicki gekonnt vehement für die Qualität des deutschen Fernsehens einsetzt, seine Zukunft findet woanders statt - im Internet. Immer mehr Menschen beziehen  ihren täglichen Medienrausch aus dem Internet. “Gute Zeiten schlechte Zeiten” war gestern, nun bandelt Grundy Ufa mit StudiVZ an und raus gekommen ist die “Pietshow”. Angekündigt mit einem Video auf Youtube, das einen verheissungsvollen Titel trägt: “Typ knallt besoffen auf Party durch die Wand!”.

Die Fernsehsoap-Fabrik Grundy Ufa hat exklusiv für das Online-Netzwerk StudiVZ und MeinVZ (Ableger für Zielgruppe “Ü30″) 15 Folgen mit Abschluss produziert. Pro Woche gibt es 2 neue Folgen, die in Häppchen serviert von Dienstag bis Freitag in einer eigens gegründeten StudiVZ-Gruppe präsentiert werden. 14 Minuten lang erzählen diese vom aufgesetzt schlabbrig charmanten Filmstudenten Piet, der das Geschehen in der unfreiwillig zusammengewürfelten WG in Berlin Kreuzberg filmt und online stellt. Die professionallen Macher der Ufa-Fabrik wissen genau was sie tun. Der klar umrissenen Zielgruppe der Studenten müsse man schon etwas mehr liefern, die schauen genau hin. StudiVZ Nutzer seien also aufgeklärter und zeigten ein radikal anderes Medienverhalten als die Ottonormalverbraucher  des werktäglichen deutschen Vorabendprogramms. So ist die Soap, die keine sein soll, gewürzt mit einer mysteriösen Metaebene, die der WG-Seifenoper in Kombination mit den wackeligen Amateurbildern ein bisschen “Blairwitch-Project” und “Cloverfield” Feeling sowie einen Schuss Mediensatire bekannt aus  “Die Truman-Show” verleihen soll.
Vielleicht war es die fehlende Metaebene, die die erste deutsche Online-Soap “Candy Girls” (auf MySpace) beim Versuch die Seifenoper zu revolutionieren scheitern liess.

Vorbildlich vernetzt wie diese ist aber auch die Pietshow mit den Fake-Profilen der vier Protagonisten Piet, Nick, Jessy und Melanie. Diese sollen zu einem lebhaften Dialog anregen, denn schliesslich ginge es dabei nicht  um Mitgliedergewinnung, sondern darum einen echten Dialog anzuregen, laut StudVZ-Gründer Michael Brehm. Und die WG-Mitbewohner sind echte Profis, was die umstrittenen Datenschutzbestimmungen des Online-Netzwerkes betrifft: die Profile sind alle geschützt und nur teilweise sichtbar. Piet, der alte Rebell, ist Mitglied der StudiVZ-Gruppe “Vegetarier essen meinem Essen das Essen weg!”, die für unrühmliche Furore sorgte und den allesbeherrschenden und grenzenlosen Spass-Faktor des Online-Netzwerkes überzog. Um noch mehr Interaktivität anzukurbeln gibt es am Ende der Staffel einen echten Seasons Cliffhanger, genauso wie bei den Großen. Und vielleicht dann in der zweiten Staffel noch mehr Metaebene.

Bevor es auf StudiVZ wieder “Alles meta, Alter!” (die erste Folge lief gestern) lautet, gibt es noch eine Menge Käffchen (den offeriert StudiVZ bei Wartungsarbeiten seinen Mitgliedern).

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Stammesgesellschaften im Internet


Social Networks verändern unsere Art miteinander zu kommunizieren. Darin schienen sich alle einig. Doch nun stellt sich heraus, dass wir auf Myspace, StudiVz und Co. unseren tief verwurzelten Urinstinkte nachgehen. Das Gruscheln und Poken, die ständige Suche nach neuen Freunden und Gemeinsamkeiten ist letztlich mit alten Mustern oraler Kommunikation verknüpft, die Basis jeder menschlicher Erfahrung ist. Die Ausdrucksmöglichkeiten, die uns innerhalb dieser Netzwerke angeboten werden, erinnern dabei eher an orale als schriftliche Kommunikation. Orale Kommunikation ist also der Klebstoff, der Gemeinschaften zusammenhält. Soweit klar und nicht neu. Das Internet ist oral.

Was mich interessiert ist, warum so mancher Myspaceler Freunde sammelt, wie meine Großmutter zu damaligen Zeiten Briefmarken?

Die Ethnologie zieht Parallelen zu Stammeskulturen. Identitäten bilden sich durch die Reflektion der anderen aus. Der Mensch definiert sich darüber, mit wem er befreundet ist. Kann ich nun meinen Social Graph, der an die 360 Freunde zählt noch mit ein paar Stars garnieren, wie auf Myspace möglich, bin ich jemand.

In StudiVz wären demnach auch die klangvollen Gruppennamen wie „Günthers Jungs mit Nackenspoiler“ identitätsstiftend.

Facebook stellt uns dank Applications einiges an Werkzeug zur Verfügung, damit wir unseren Trieben nachgehen können. Facebookler vergleichen, fordern heraus oder schenken. Auch hier erkennt die Wissenschaft eine Übertragung stammeskultureller Rituale in unsere virtuellen Gemeinschaften. Nur weniger formell.

Der Drang auf sich aufmerksam zu machen oder sein Profil aufzuhübschen ist also reine Existenzangst? Nein, da besteht nämlich der kleine feine Unterschied, sagt die Ethnologie: die Freundschaften, die wir im Internet knüpfen sind von wesentlich geringerer Bedeutung als die in Stammeskulturen, innerhalb derer sie Überlebensnotwendigkeit darstellen.

Da kann das Web 2.0 noch so futuristisch wirken und uns mit wohlklingenden Applikationen überhäufen. Alles schon gewesen. Die Plattform ist nur eine andere.

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