Juli 17th, 2008
Berlin goes Chic
Berlin wandelt sich zur Elbchaussee mit italienischem Flair - ungewollt. Inmitten von Plattenbau und Kreuzberger Multikulti-Alternativ Szenekiez schiessen Luxuswohnungen aus den Berliner Baulücken. Italienische Regisseure dienen als Namensgeber des unbekannten neuen “High-End-Komforts” mit “höchstem Anspruch”, für den der Berliner erst noch Worte finden muss. Wahrscheinlich würde “Yuppie” eines davon sein. Ein anderes, das sich noch stärker nach Abwertung anfühlt, würde wohl folgen.
Die Fellini Residences – der Versuch, italienische Lebensart in Berlin zu etablieren, scheint etwas zu ehrgeizig. Mutig dennoch. So Fazit des Berichts zur Penthouse-Besichtigung der FAZ: das „Palladio“, ein Neubau an der Ecke von Niederwallstraße und Kleiner Leipziger Straße. “Es ist nicht einfach, einen auf Beverly Hills oder Fiesole zu machen, wenn die Welt, auf die man schaut (und irgendwie geht es bei Dachterrassen ja immer um den schönen Blick) so gar nicht mitmachen will.“
Dolce Vita an der Spree, ein Hauch von Elbchausee, neuer Altbau-Charme – doch egal mit welchen Schlagworten man den Berliner auch bezirzt – er traut dem Braten nicht.
Angst mischt sich in die Berliner Luft. Vielleicht würde sich die Luft wieder etwas reinigen, wenn dem Berliner nicht ständig die Vorstellung aufgedrückt würde, er müsse sich als Italiener verkleiden. Das liegt
ihm nämlich garnicht. Entdecken Sie Italien mitten in Berlin? “Warum sind se denn in Berlin, koofen se sich n Fluchticket und denn ab dafür”, würde die Berliner Schnauze auf diese Aufforderung der Fellini Residences wohl antworten. Doch wen juckts?
Die Häuser seien nicht gerade für die sozial Schwächsten konzipiert, wie es der frühere Senatsbaudirektor Hans Stimmann vorsichtig formuliert. Verkaufspreise zwischen 4500 und 7000 Euro pro Quadratmeter, teilweise sogar 9500 Euro locken die finanzkräftige Elite aus Botschaftsangehörigen, Geschäftsleuten und Kulturschaffenden an. Viele kommen aus dem Ausland. Zum Beispiel aus Skandinavien, Großbritannien, Irland und Israel.
Ende 2009 entstehen zehn Stadtvillen, jede mit Tiefgarage, mit Portier und dezenter Videoüberwachung – der Diplomatenpark von Groth.
Nach langen Jahren des Jubels um Berlin als kreative, junge und undefinierte Hauptstadt mit vielfältigen Möglichkeiten, die in fertigen Städten bereits verbaut sind, ist der Hype angekommen. Das Allensbach-Institut erstellten Studie habe sich Berlin als besonders attraktives Pflaster erwiesen: Fast jeder Vierte wolle am liebsten selbst in Berlin wohnen, habe die Befragung des einkommensstärksten Viertels der deutschen Bevölkerung ergeben. Und viele würden ohnehin gern in Immobilien investieren.
Alle wollen nach Mitte: 3,5 Milliarden Euro wurden dort investiert. Dicht gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf, wo Grundstücke und Immobilien im Wert von 2,6 Milliarden Euro gehandelt wurden. In den neuen hippen Szenekiezen Friedrichshain-Kreuzberg und in Pankow/Prenzlauer Berg sind immerhin 1,1 Milliarden geflossen.
Und was wollen die Berliner?