Dezember 6th, 2007
Stammesgesellschaften im Internet
Social Networks verändern unsere Art miteinander zu kommunizieren. Darin schienen sich alle einig. Doch nun stellt sich heraus, dass wir auf Myspace, StudiVz und Co. unseren tief verwurzelten Urinstinkte nachgehen. Das Gruscheln und Poken, die ständige Suche nach neuen Freunden und Gemeinsamkeiten ist letztlich mit alten Mustern oraler Kommunikation verknüpft, die Basis jeder menschlicher Erfahrung ist. Die Ausdrucksmöglichkeiten, die uns innerhalb dieser Netzwerke angeboten werden, erinnern dabei eher an orale als schriftliche Kommunikation. Orale Kommunikation ist also der Klebstoff, der Gemeinschaften zusammenhält. Soweit klar und nicht neu. Das Internet ist oral.
Was mich interessiert ist, warum so mancher Myspaceler Freunde sammelt, wie meine Großmutter zu damaligen Zeiten Briefmarken?
Die Ethnologie zieht Parallelen zu Stammeskulturen. Identitäten bilden sich durch die Reflektion der anderen aus. Der Mensch definiert sich darüber, mit wem er befreundet ist. Kann ich nun meinen Social Graph, der an die 360 Freunde zählt noch mit ein paar Stars garnieren, wie auf Myspace möglich, bin ich jemand.
In StudiVz wären demnach auch die klangvollen Gruppennamen wie „Günthers Jungs mit Nackenspoiler“ identitätsstiftend.
Facebook stellt uns dank Applications einiges an Werkzeug zur Verfügung, damit wir unseren Trieben nachgehen können. Facebookler vergleichen, fordern heraus oder schenken. Auch hier erkennt die Wissenschaft eine Übertragung stammeskultureller Rituale in unsere virtuellen Gemeinschaften. Nur weniger formell.
Der Drang auf sich aufmerksam zu machen oder sein Profil aufzuhübschen ist also reine Existenzangst? Nein, da besteht nämlich der kleine feine Unterschied, sagt die Ethnologie: die Freundschaften, die wir im Internet knüpfen sind von wesentlich geringerer Bedeutung als die in Stammeskulturen, innerhalb derer sie Überlebensnotwendigkeit darstellen.
Da kann das Web 2.0 noch so futuristisch wirken und uns mit wohlklingenden Applikationen überhäufen. Alles schon gewesen. Die Plattform ist nur eine andere.