Mobile Großstadtbewohner oder Kiez-Liebhaber?


Schnipseljagd:

Vielleicht hat es der ein oder andere schon gelesen, im Tagesspiegel gab Herr Regener ein Interview, da er nicht nur Sänger der Band Element of Crime ist, sondern auch schreibt. „Herr Lehmann“, ein Roman, der sich mehr als eine Million mal verkaufte und von Leander Haußmann verfilmt wurde. Nun erscheint mit „Der kleine Bruder“ (Eichborn Berlin) der letzte Teil einer Trilogie.

Hier ein Auszug:

In Prenzlauer Berg hängen an den Spielplätzen Zettel an den Bäumen, die vor den Schwaben und dem Blockwarttum der Neu-Prenzlauer-Berger warnen.

Habe ich noch nicht gesehen, kann aber sein. Es gibt immer Menschen, die Feindbilder brauchen. Früher hieß es in Kreuzberg auch öfter mal, die Scheißtouristen sollten abhauen. Ich habe mal erlebt, wie geborene Berliner auf der Wiener Straße als Touristen beschimpft wurden, und zwar von Leuten mit schwäbischem Akzent. Aber das ist kein Argument gegen die Schwaben. Wer gegen Schwaben ist, ist auch nur Rassist.

Schwingt bei diesen Zetteln in Prenzlauer Berg nicht auch die Angst vor Gentrifizierung mit?

Vielleicht. Aber Angst ist kein guter Ratgeber. Prenzlauer Berg ist jetzt einfach ein bürgerliches Viertel, in dem viel Geld drinsteckt. Die Leute dort mit ihren Restaurants, Kinderklamottenläden und den ganzen anderen kulturellen Codes, die müssen auch irgendwo leben.

Und irgendwie hat Sven Regener doch Recht: ab wann ist jemand  würdig den Titel “Alteingesessener” zu tragen? Und was muss man dafür tun, einen Fragebogen ausfülllen?  Ist das Kiez-Gehabe muffig?

“Mein Gott, wir reden hier über Mietwohnungen. Da kann man ein- und ausziehen.”

Das komplette Interview gibt es hier.

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62.000 Hamburger ziehen um


Sieht plötzlich so anders aus hier? Das dürften sich die 62.000 Hamburger, die am Sonnabend in einen neuen Stadtteil oder Bezirk umgezogen sind nicht gedacht haben, denn der Umzug fand nur „theoretisch” statt. Hamburg hat die Grenzen der Stadtteile verschoben. Praktisch für die einen, für die anderen eine unfreiwillige Aufgabe ihrer Kiezidentität. So müssen sich die „Klostertorianerdran gewöhnen, dass ihr Stadtteil von der Stadtkarte verschwunden ist und sie sich zu einem Teil fortan „Hammerbrooker” schimpfen sollen. Der andere Teil gehört nun zum neu entstandenen Stadtteil „Hafen-City”. Stolz darüber ist beispielsweise das Hafen-City-Girl Nadja, das ihre E-mails bereits mit einem “Gruß aus der Hafen-City” beendet.

Vorsicht, wer seit dem Wochenende eine Wohnung in Hamburg-Mitte sucht, sollte noch mal einen Blick auf die Karte werfen, denn er könnte sich plötzlich nicht in der Innenstadt im herkömmlichen Sinne wieder finden, sondern am Stadtrand. Wilhelmsburg gehört nun zu Hamburg-Mitte. Hamburg ist nicht kleinlich, Rand ist nun auch Mitte. Wer sich im Zentrum wähnt, darf sich also fortan auf einen langen Weg gefasst machen. So lockt die Stadt die Studenten über die Elbe.

Das “latte-macchiatisierte” Fleckchen Schanzenviertel ist unter dem Namen Sternschanze nun auch ein eigener Stadtteil. MIKROSKOPISCH klein, aber so beliebt wie Kiez-Grösse Kalle Schwensen. Sauer darüber ist Eimsbüttel, da es das Viertel erst so richtig aufgehübscht hat. Und nun dürfen die Eimsbüttler das hippe Viertel an Altona abtreten. Das Eimsbüttler Wappen hat damit auch eine Neugestaltung nötig, denn der darauf abgebildete Schanzenturm ist mit der Gebietsreform futsch. Alter Däne! Irgendwie unfair finden das auch die Grünen, die sich für eine Neuordnung entlang der natürlichen Grenzen engagierten.

Die Hamburger scheinen allerdings die ganze Grenzverschieberei gelassen zu nehmen. Die nordische Natur ist halt nicht durch „theoretische Umzüge” aus der Reserve zu locken. Die Berliner dagegen haben bei der Reform 2001 ihren Bezirk stolz verteidigt und uns dabei so manch kuriose Auseinandersetzung in den Medien beschert. Statt der Mauerlinie am U-Bahnhof Bernauer Strasse warnt den ahnungslosen BVG-Gast nun eine Mitte-Wedding Demarkationslinie vor dem ungewollten Grenzübergang. Da wächst zusammen, was nicht zusammengehören will.

Doch ganz so kühl wie ihr Ruf sind die Hamburger dann doch nicht. Am Wochenende verabschiedeten sich um Mitternacht die Insulaner Hamburgs von Harburg. Wilhelmsburger und Veddeler konnte auch Orkan “Emma” nicht davon abhalten, standesgemäss bei “Fritz Cola” und “Pilsener Urquell” die Vereinigung der Elbinseln auf einer spontanen Ansammlung an der Harburger Chaussee zu feiern. Auf die lieben Nachbarn!

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