Niederer Adel im Prenzlauer Berg


Der Prenzlauer Berg entpuppt sich als bevorzugtes Objekt zur Erstellung von Feldstudien in der Populationsökologie. In Die Zeit zeichnete der Autor Henning Sussebach ein fast schon bedrohlich wirkendes Bild der soziodemographischen Entwicklung des Berliner Bezirks, das mich an Konkurrenz- und Räuber-Beute-Beziehungen erinnert. Der Prenzlauer Berg wird häufig als Mikroskop des „neuen Deutschlands“ tituliert. Spielwiese der jungen Menschen. Die Bevölkerungsstruktur setzt sich neben Altberlinern aus „Bionaden Biedermeiern“, „Pornobrillenträger“ und „Ökoschwaben“ zusammen. Diese Termini leiten sich aus äußeren Erkennungsmerkmalen ab. Denn das äußere Erscheinungsbild spielt hier wie auf dem Schulhof eine bedeutende Rolle zur Abgrenzung von anderen Gruppen. Normalität ist ein Schimpfwort, anders sein ist die Devise. Hauptschauplatz der selbstgewählten Identitäten ist die „Castingallee“ oder Kastanienallee. Publikum der Eitelkeiten sind die „Frühstücksmenschen“, die es sich in den anliegenden, institutionellen Kaffees wie dem Schwarzsauer einrichten und mehr Freizeit zu haben scheinen, als der Rest der deutschen Bevölkerung.

Der Prenzlauer Berg ist ein Stück ehemaliger Osten, der sich in rasender Geschwindigkeit verändert hat. Hier wächst West und Ost schneller zusammen als anderswo. Die Statistiker scheinen überfordert. Sie gehen davon aus, dass sich seit dem Mauerfall 80% der Bevölkerung ausgetauscht hat. Den sozialen Umstruktierungsprozess eines Stadtteils wird in der Stadtgeographie als Gentrifizierung von Gentry (engl. nieder Adel) bezeichet. Diese Veränderung, ob nun durch bauliche Tätigkeiten oder Veränderungen in der Bevölkerung angetrieben, lässt sich in einer „Veredelung“ des Bezirks festmachen. Klingt komisch, dabei denk ich zunächst an Kaffee.

Aber die Verdrängung von alteingesessenen alternativen Künstern, Intellektuellen oder etwaigen Subkulturen, welche pionierhaft einen Stadtteil besiedelten und diesen prägten, wird als Aufwertung interpretiert. Der Prozess der Verdrängung passiert schleichend. Nach der ökonomischen Etablierung einiger Bevölkerungteile, wie der jungen Akademiker, die in das Berufsleben einsteigen, ist der erste Schritt der Aufwertung bereits vollzogen. Investoren sehen ihre Chance der Wertsteigerung von Immobilien. Es schießen Szenelokalitäten aus dem Boden. Jeder will dazugehören. Die Selektion findet über den Mietpreis und den Assimilationsaufwand statt. Wer es sich nicht leisten kann und weder Bionade trinkt noch Acne Jeans trägt, muss draussen bleiben. Die wohlhabendere Partei setzt ihren Lifestyle durch und schickt die ursprünglichen Charaktere oder die Invasoren der ersten Welle ins Umland, nach Pankow.

Sussebach bezeichnet den Prenzlauer Berg als Ghetto ohne Zaun. Der prototypische Prenzlauer ist Akademiker, zwischen 25 und 45 Jahre alt, unabhängig von staatlichen Leistungen, Single, kinderfreundlich, wählt die Grünen, ist konsumfreudig und auf seinen Lifestyle bedacht. Das Selbstbild lässt sich als aufgeklärt linksalternativ, mutlikulturell, tolerant und modern beschreiben. Hier, wo die Welt in Ordnung ist, achtet man auf die Umwelt und verbraucht sauberen Strom (Ökostromanbieter Lichtblick versorgt hier über 6000 Haushalte). In der Hauptmeile des Bezirks, der Schönhauser Allee, welcher Wladimir Kaminski einen Buchtitel widmete, befindet sich der nach Angeben seiner Besitzer, grösste LPG-Biosupermarkt Europas. Der Prenzlauer isst zu seiner Sojamilch gerne Dinkeltörtchen.

Doch was ist nur geliebte Fassade und was Realität. Warum gibt es im Prenzlauer Berg im Vergleich zu anderen Stadtteilen nur 0,3 Prozent Türken und warum leben hier mehr Japaner als Ägypter?

Die eingebildelte Toleranz ist schnell enttarnt. Verhaltens- und Kleiderregeln grenzen hermetisch ab. Irgendwann wird es langweilig werden im Mikrokosmos Prenzlauer Berg. Nichts ist mehr authentisch sondern aufgesetzt. Spätestens dann klingt der Schlachtruf: Auf nach Pankow!

Share and Enjoy:
  • Digg
  • del.icio.us
  • Facebook
  • LinkArena
  • MisterWong.DE
  • MySpace
  • StumbleUpon
  • Webnews.de
  • Wikio
  • Yigg

Post to Twitter


One Comment, Comment or Ping

  1. Donpaco

    die “Schanze” in Hamburg laesst gruessen!
    same same but different, wie der Thai zu sagen pflegt….

    Januar 29th, 2009

Reply to “Niederer Adel im Prenzlauer Berg”