Heute ist nicht Donnerstag, heute ist Valentinstag. Der Tag, an dem Alleingebliebene einen unangenehmen Druck auf der Brust spüren und ihnen ihre Einsamkeit als hässlicher Makel unter die Nase gerieben wird (ob selbst erwählte Einsamkeit oder nicht - Alleinsein gibt’s nicht).
Und damit nicht nur die Floristen an diesem Tag noch mehr Geld verdienen, treibt man alle Verweigerer des Verliebtseins in ihr vermeintliches Glück. (Der ein oder andere mag tatsächlich an dem Glück der Menschen und seiner Arterhaltung interessiert sein.)
Die unfreiwillig Einsamen freuen sich über die lustigen Promotionaktionen, die als Cupid verkleidet Menschenherzen höher schlagen lassen, zumindest solange, bis man in Aumühle angekommen ist. Dort kommen alle einsamen Herzen an, wenn sie in den Flirtexpress der Bahn steigen. Die Fahrtdauer der Strecke von Berliner Tor nach Aumühle ist also nach Schätzung der Bahn ein angemessener Zeitrahmen, um festzustellen, dass die Reisebekanntschaft “doch echt ganz nett” ist. Da angeblich das apathische “Zum-Fenster-Rausgucken” bei auserwählter Strecke dauerhaft nicht empfehlenswert ist, hat die Bahn in dem Punkt schon mal einen guten Job gemacht. Und da Aumühle weit entfernt von Kurzweile liegt (also langweilig ist), bleibt nichts anderes übrig, als eine flüchtige Reisebekanntschaft zu schliessen - und schon schnappt die Flirtfalle zu.
Ich würde mich dafür interessieren, ob die Marketingabteilung der Bahn irgendwelche Streckentestversuche gestartet hat, um den erwünschten Erfolg der Aktion zu verifizieren.
Und was machen die Menschen, wenn Sie in Aumühle angekommen sind? Was macht man überhaupt in Aumühle und wo liegt das eigentlich? Die Bahn denkt aber offensichtlich, Aumühle sei ein romantischer Ort.
Und die Hamburger scheinen tatsächlich so versingelt zu sein, dass die Tickets für den Flirtexpress der Bahn schon ausverkauft sind. Dass es einer offiziellen Erlaubnis der Bahn fürs Flirten in ihren Abteilungen gar nicht bedarf, hat die Bahn netterweise auch festgestellt. Für alle, die kein Ticket mehr bekommen haben sollten und Ihr Schicksal in die Hände des Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) legen möchten: Einfach heute mal in die S-Bahn nach Ahrensfelde steigen und nett lächeln. Vielleicht klappts.
P.S.: Die BVG gibt verpassten Augenblicken eine zweite Chance. “Halten Sie Ihren magischen Moment bei uns schriftlich fest. Wenn sich Ihr Augenblickpartner anhand Ihrer Beschreibung wiedererkennt und angesprochen fühlt, kann er oder sie Ihnen eine Nachricht schicken”. Präventive Massnahmen findet man in der Anleitung zum Flirten in U-und-S-Bahn der BVG.
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